Rheuma & Partnerschaft, warum Überfürsorge nach hinten losgehen kann.

Anke Mouni Meyer

Anke Mouni Meyer

Heute möchte ich mich einer wichtigen Frage zuwenden. Wie verändert eine chronische Erkrankung die Paarbeziehung? Hast Du selbst Erfahrungen damit oder hast Du es bei anderen beobachten können? Wenn ja, wie ist es ihr/ihm oder Dir ergangen?

In einem Rheumaforum habe ich gelesen, wie eine Frau sich besorgt darüber äußerte, dass ihr Mann so stark mit ihr leidet und alles für sie tut. Dieses Phänomen wird als „Overprotecting“ bezeichnet und kann sich für eine Partnerschaft auf Dauer sehr ungünstig auswirken und zu Frustration, Ausgebranntsein seitens des gesunden Partners und Hass und Ärger zwischen beiden führen.

Diese Frau aus dem Forum macht sich Sorgen um ihren Mann, weil sie merkt, dass es ihm nicht gut geht damit. Einerseits genießt sie seine Fürsorge und andererseits fühlt sie sich erdrückt davon.

Verantwortung abgeben?

Wie war das bei mir? Als ich erkrankt bin, war ich auch schon in einer Partnerschaft und ich hatte auch einen fürsorglichen Partner. In einer bestimmten Phase habe ich viel von meiner Eigenverantwortlichkeit an ihn abgegeben. Es äußerte sich in Kleinigkeiten, wie dass ich mir habe dabei helfen lassen, die Jacke anzuziehen, weil es schneller ging oder die Tür aufmachen lassen, weil es mir wehtat. Ich hatte sogar geplant, ihn mein Bankkonto führen zu lassen, weil ich nicht so gut mit meinem Geld haushalten konnte. Es kam immer mehr hinzu.

Bis ich eines Tages bei einem Seminar eine Art Schlüsselerlebnis hatte und mir schlagartig klar wurde, dass ich die Verantwortung für mich selbst übernehmen muss. Bei einer Übung in diesem Seminar sollten wir unserem Übungspartner erzählen, was alles schief läuft in unserem Leben. Das war vielleicht ein Gejammer… wir waren mindestens 100 Leute im Raum…:-) Im 2. Schritt sollten wir dann darüber sprechen, was wir selbst dazu beigetragen haben, dass die Situation so ist wie sie ist.

Eine andere Haltung entwicklen?

Schon als man uns erklärte, was wir machen sollten, musste ich total lachen und mir ist in dem Moment ein Licht aufgegangen. Mir wurde schlagartig klar, dass viele Dinge in meinem Leben, vor allem die, die nicht so gut liefen, von mir selbst eingefädelt worden sind. (Durch Entscheidungen, die mir in dem Moment als richtig erschienen) Und das war unglaublich befreiend. Meine Krankheit war davon nicht weggeblasen, aber  meine innere Haltung hat sich verändert und das Aufgeben meiner Selbstständigkeit war damit auch gestoppt.

Ab sofort habe ich mir meinen Mantel wieder selbst angezogen – auch, wenn es länger dauerte. Die Türen habe ich auch wieder ohne Hilfe geöffnet, obwohl es schwer war und weh tat. Und mein Bankkonto habe ich auch wieder selbst weitergeführt, obwohl ich immer noch nicht mit Geld umgehen konnte…:-) Das war ein gutes Gefühl. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass wir nie Hilfe annehmen oder um Hilfe bitten sollten… bitte nicht falsch verstehen. Ich weiß, wie tapfer viele von Schmerzen geplagte Menschen sind, die Zähne zusammenbeißen und nicht um Hilfe bitten, obwohl es dringend nötig wäre.

Sich nicht auffressen lassen von der Fürsorge

Was ich an meinem Mann sehr geschätzt habe in dieser Phase, war, dass er für mich da war und gleichzeitig auf eine gewisse Weise unberührt davon war. Er hatte eine gewisse Distanz zu meiner Krankheit. Das war für mich wiederum sehr erleichternd. Es hätte mich total belastet, wenn er die ganze Zeit um mich herumgeschwirrt wäre mit sorgenvollem Blick.

Und genau das spricht gegen das Überfürsorgliche. Es ist nicht immer angenehm für den chronisch kranken Menschen, wenn Menschen um ihn herum, sich permanent Sorgen machen. Es übt sogar einen gewissen Druck aus und kann Abhängigkeit fördern. Ich konnte mich manchmal besser entspannen, wenn mein Freund nicht im Haus war. Und Entspannung bedeutete auch weniger Schmerzen zu haben.

Kennst Du das? Hast Du auch bemerkt, dass es manchmal doch ganz schön ist, allein zu sein und in Ruhe den Körper zu spüren auch, wenn er weh tut? Dich nicht verstellen müssen und so tun, als ob alles nicht so schlimm ist?

Wie ist es bei Dir? Unterstützt Dich Dein Mann? Ist er für Dich da und traut er Dir auch zu, mal alleine damit fertig zu werden? Lebt er sein eigenes Leben weiter d.h. pflegt er seine Hobbys? Geht er auch mal ohne Dich aus, um seine Freunde zu treffen?

Eine chronische Krankheit ist kein Schnupfen, der ein paar Tage dauert und dann ist es wieder überstanden und deshalb ist es so wichtig, dass Dein Beziehungspartner mal abschaltet, rausgeht und sich mit anderen Dingen beschäftigt und Dir zu traut, dass du eigene Ideen und Kräfte entwickelst, um es Dir gutgehen zu lassen.

Was für Erfahrungen hast Du gemacht? Hinterlasse mir doch einen Kommentar!!

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4 Comments on “Rheuma & Partnerschaft, warum Überfürsorge nach hinten losgehen kann.

Gabi Haevernick
November 1, 2016 at 8:58 pm

Hallo Anke,

mein Mann Dirk und ich waren erst kurz vor der Diagnose zusammen gekommen. Als wir das erste mal Essen gegangen sind und ich im Restaurant die Bestellung aufgegeben habe, entspannte ich mich. Es war eine nette Atmosphäre und da mir warm wurde zog ich von meiner Strickjacke die Ärmel hoch. Sofort ging der Blick von Dirk auf meine Unterarme. Ich zog die Ärmel instinktiv wieder runter. Dirk reagierte sehr locker und fragte, was ich da habe. Am Ende meiner Erklärung, dass das Schuppenflechte sei, meinte er nur “Mein Kollege hat auch Schuppenflechte”.
Damit war das ganze für ihn erledigt. Er hat mich damit geheiratet und es war nie ein Problem für ihn…egal wie schlimm ich aussah.

Inzwischen sind wir knapp 30 Jahre zusammen und er hat eine schwere Krankheiten mit mir mitgemacht. Dirk war immer für mich da, hat mir geholfen wenn ich Hilfe brauchte aber er ist auch immer dafür, dass ich etwas unternehme…..Mit meinem Tussi Club übers Wochenende wegfahre oder essen gehe. Er möchte nicht, dass ich mich absondere.
Und im Haushalt gab es auch noch nie Probleme. Mal kocht er mal ich, die Wäsche macht nur er……das Putzen wiederum ich und er sagt immer Schatz lass Dir Zeit, es muss nicht immer alles auf mal fertig sein.

Was will man (Frau) mehr????

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Anke Mouni Meyer
November 9, 2016 at 6:53 pm

Hallo liebe Gabi, ich danke Dir für Deinen ausführlichen Bericht. Das hört sich wunderbar. Dein Mann liebt Dich und das ist wirklich schön. Ich freue mich für Dich. Auch ich bin seit 30 Jahren mit meinem Mann zusammen. Wir sind nicht verheiratet, aber er unterstützt mich total. Das ist ein sehr gutes Gefühl, jemanden zu haben, der hinter einem steht. Mir gibt das sehr viel Sicherheit. Das wünsche ich allen Frauen, die von Rheuma betroffen sind und natürlich auch unseren männlichen Kollegen…:-) Liebe Grüße!!

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Kerstin
November 1, 2016 at 11:01 pm

Oh, ich kann dir sagen, nicht jeder ist so fürsorglich. Jedenfalls meiner ist es nicht… Er ist mit sich selbst beschäftigt. Seit er von meiner Krankheit weiß, seit ca. zwei Jahren, fasst er mich im Bett nicht mehr an… Wenn ich mit ihm darüber reden möchte, wird er wütend und sagt, er hat keine Lust.

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Anke Mouni Meyer
November 9, 2016 at 6:46 pm

Hallo liebe Kerstin, das finde ich sehr sehr traurig und ich würde mir an Deiner Stelle überlegen, ob Du Dich nicht lieber trennst. Du bist es wert, einen Mann an Deiner Seite zu haben, der Dich liebt und unterstützt. Er muss zumindest dazu bereit sein, mit Dir darüber zu sprechen. Um zu schauen, ob es eine Lösung gibt. Ist er es nicht, würde ich, wenn möglich, die Konsequenzen ziehen. Menschen mit Rheuma brauchen viel Liebe. Natürlich müssen wir zuerst anfangen, uns selbst zu lieben. Es ist ein wichtiges Thema bei Rheuma. Selbstliebe. Danke für Deinen Kommentar.

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Ⓒ Anke Mouni Meyer, Eat & Move Hamburg

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